Wie “Gewaltfreie Kommunikation” helfen kann

Anette Gnandt, Rechtsanwältin + MediatorinGewaltfreie Kommunikation

Die Gewaltfreie Kommunikation - eine Sprache von Herz zu Herz

Verfahrene Konflikte und der Weg aus ihnen heraus oder: Das Wunder der Gewaltfreien Kommunikation

Wer die Gewaltfreie Kommunikation, nachfolgend auch GfK genannt, nach Marshall B. Rosenberg kennt oder sie gar anwendet, der weiß, wie ungemein effektiv und befreiend diese Art der Kommunikation ist. Wer diese Sprache des Herzens spricht, wird tatsächlich verstanden. Wie kommt es zu diesem Verständnis? Hier kommt der Verstand zum Tragen: Durch die Anwendung der 4 Schritte der GfK!

Konflikte im Zusammenhang mit der Kinderbetreuung sind bei geschiedenen Paaren häufig. Ein Beispiel:

Anja und Bernd vereinbarten nach ihrer Trennung das sogenannte Wechselmodell, d.h. sie betreuen ihre beiden gemeinsamen Kinder je zur Hälfte. Eine Woche sind sie bei bei der Mutter, die nächste beim Vater. Der Elternteil, der die Kinder die Woche über hatte, bringt sie am Sonntagabend um 18 Uhr zum anderen Elternteil. So lautet die kürzlich im Einvernehmen getroffene Absprache.

Bernd hat die Kinder am Sonntag erst ein paar Mal schon nach 19 Uhr nach Hause gebracht. Es fällt ihm manchmal schwer, sich von den Kindern zu trennen und wieder eine ruhige Wohnung zu haben. Bei schönem Wetter unternimmt er am Wochenende viel mit den Kindern. Draußen in der Natur und am Bolzplatz verfliegt die Zeit.

Anja freut sich nach der Woche auf ihre Kinder. Bevor es Montag wieder mit Arbeit, Schule, Kita losgeht, möchte sie erfahren, was die Kinder so erlebt haben. Die Kinder sollen spätestens um 20 Uhr gewaschen und mit gepacktem Schulranzen im Bett sein. Dann sind die Kinder am Morgen ausgeschlafen und Anja hat am Abend noch ein wenig Zeit, um sich für das wöchentliche Montagsmeeting vorzubereiten.

Der typische Ablauf eines Konflikts, der mit verbaler Gewalt ausgetragen wird:

Als Bernd die Kinder an einem Sonntag wieder zu spät bei Anja abliefert, kommt es zum Streit.

Anja: Wo bleibt ihr denn so lange? Und wieso kannst Du Dich einfach nicht an Absprachen halten? Ob ich hier mit Essen auf die Kinder warte, ist Dir wohl egal. Irgendwann fällt Dir wohl mal auf, dass Sonntag ist. Ich habe es satt, Dir hinterher zu telefonieren. Du bist wie immer unzuverlässig und ein schlechtes Vorbild.

Bernd: Was regst Du Dich so auf? Du bist doch ohnehin zuhause. Freu Dich doch über die Stunde für dich. Früher war das dein Problem: Nie Zeit für dich. Jetzt hast du sie und es passt dir wieder nicht. Wir hatten eine Menge Spaß und ich habe vergessen, Bescheid zu geben. Dann im Auto wollte ich nicht telefonieren. Wir waren ja nicht weit weg. Außerdem weißt du doch ganz genau, dass ich die Kinder immer zuverlässig sonntagabends wieder bringe. Auf die paar Minuten kommt es dabei doch nicht an.

Anja: Du bist so egoistisch und denkst wie immer nur an Dich. Es reicht mir. Wenn es nochmal vorkommt, kündige ich die Vereinbarung auf und Du siehst die Kinder alle 14 Tage am Wochenende.

Bernd: Du spinnst wohl, mir wegen so einer Lappalie die Pistole auf die Brust zu setzen. Es sind auch meine Kinder. Ein Wochenendvater werde ich sicher nicht. Reg dich mal ab. Immer so ein Theater mit Dir.

So könnte es nun stundenlang weitergehen und noch weiter eskalieren…

Die Alternative: Interessen und Bedürfnisse mit Hilfe der GfK mitteilen und Bitten äußern

Die meisten reagieren allergisch darauf, von anderen bewertet zu werden. Das gilt besonders, wenn es negative Bewertungen sind. Wenn man möchte, dass jemand sein Verhalten ändert, sollte man nach dem Ansatz der GfK daher auf Bewertungen des Verhaltens des anderen verzichten und besser Bitten äußern. Wenn man von sich spricht und seinen Bedürfnissen, wird das selten als provokativ und Einladung zum Streit empfunden. Ein Beispiel der Vorgehensweise, die die Gewaltfreie Kommunikation mit den vier Schritten beherzigt:

1. Schritt: objektiv-neutrale Beobachtung

Frage: Was ist geschehen? -> möglichst konkrete Tatsachen

Beispiel Anja: Wir haben vor drei Monaten vereinbart, dass du die Kinder nach der Woche bei dir am Sonntag um 18 Uhr ablieferst. Du hast die Kinder nach der Woche bei Dir zum dritten Mal hintereinander eine Stunde zu spät gebracht.

2. Schritt: Was herrscht für ein Gefühl vor?

Anja: Das macht mich richtig sauer, da mir die Einhaltung unserer Absprachen wichtig ist. Ich möchte, noch ein wenig Zeit mit den Kinder verbringen und erfahren, was sie bei dir erlebt haben, bevor ich sie gegen 20 Uhr ins Bett bringe. Ich fühle mich hilflos und bin besorgt, weil ich hier auf euch warte und nicht weiß, wann du die Kinder bringst. Außerdem möchte ich, dass wir montags alle ausgeschlafen in die Woche starten. Es fällt ihnen und mir leichter, wenn sie wie sonst auch um 20 Uhr im Bett sind. Ich fühle mich unter Druck, wenn uns so wenig Zeit bis dahin bleibt.

3. Schritt: Welches Bedürfnis wurde nicht erfüllt?

Anja: Ich möchte den Sonntagabend noch ein bisschen mit meinen Kindern verbringen können. Gleichzeitig will ich sie aber auch nicht zu spät ins Bett schicken, damit sie am Montagmorgen ausgeruht sind.

4. Schritt: Konkrete Bitte

Anja: Kannst du die Kinder bitte am Sonntag pünktlich bei mir abliefern?

Antwortet Bernd in dieser Situation mit einem Nein, kann Anja konkret nachfragen: Was hindert Dich daran? Oder: Sag mir bitte, was ich dazu beitragen kann, damit du die Absprache einhalten kannst.

Außerdem wichtig: Empathie

Empathie bedeutet, dass man sich in den anderen hineinversetzt und versucht nachzuempfinden, wie er sich fühlt. Wenn Anja also die Gründe für das Zuspätkommen kennt und ihrer Bitte daher folgenden Satz vorausstellt: “Ich weiß, dass Du die Kinder gerne bei Dir hast und es schwer ist, sich von ihnen am Ende einer Woche zu trennen” und erst dann ihre Bitte äußert, die Kinder trotzdem in Zukunft pünktlich vorbeizubringen, fühlt sich Bernd verstanden. Ein konstruktives Gespräch wird gefördert.

Fazit

Dadurch, dass Anja keine Vorwürfe vorbringt („wie damals, unzuverlässig“) und Verallgemeinerungen („nie, immer“) unterlässt, kann Bernd sie hören und macht nicht sofort dicht. Das Gefühl so richtig sauer oder wütend zu sein, kennt jeder. Was einem selbst wichtig ist (Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit), muss man dem Gegenüber sagen. Denn für ihn sind vielleicht andere Werte wichtig(er). Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse, die sich situationsbedingt mehr oder weniger anmelden. Jeder kennt Gefühle wie Wut oder Angst, wenn ein Bedürfnis nicht befriedigt ist. Und natürlich auch die angenehmeren Gefühle wie Freude, Zufriedenheit und Tatkraft, wenn ein Bedürfnis befriedigt ist. Mit einer konkreten Bitte, nicht zu verwechseln mit einer Forderung, hat das Gegenüber die Möglichkeit, unser Bedürfnis zu erfüllen. Im Regelfall wollen die Menschen zum gegenseitigen Wohlbefinden des anderen beitragen. Auch Bernd schätzt Zuverlässigkeit und Planungssicherheit. Er kann Anja verstehen. Da Anja zudem eine konkrete Bitte an ihn richtet, stehen die Chancen hoch, dass er der Bitte auch nachkommt.

Die Rolle der GfK im Mediationsverfahren:

Bei den komplexen Themen, die in einer Mediation besprochen werden, ist es wichtig, dass der andere die Gefühle und Bedürfnisse, die hinter den Positionen stecken, auch tatsächlich begreifen (hören und verstehen) kann. Sonst drehen sich die Konfliktpartner endlos im Kreis. Je nach Situation erklärt der Mediator kurz die Gewaltfreie Kommunikation. Mithilfe der 4 Schritte können die Konflikte so vorgetragen werden, dass ein gegenseitiges Verständnis entstehen kann. Der Mediator wird also darauf hinwirken, dass Sie Ihre Gefühle wahrnehmen und benennen. Die Erkenntnis, dass Gefühle nicht aus dem nichts entstehen, sondern uns (un-)erfüllte Bedürfnisse aufzeigen, hilft, sich über seine Bedürfnisse klar zu werden. Diese Form des Selbstverständnisses macht es möglich, dass auch der andere sie versteht. Der Mediator „übersetzt“, wo es für das Verständnis des Gegenübers nötig ist.

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