Die Entwicklung der Mediation

Anette Gnandt, Rechtsanwältin + MediatorinMediation, Uncategorized

Ursprünge der Mediation

Die Entwicklung der Mediation

Mediation ist neu und alt zugleich

Mediation bedeutet auf Latein “Vermittlung”. In der Form, wie sie heute praktiziert wird, hat sie ihre Ursprünge in den USA der 70er Jahre. Das Mediationsverfahren sollte eine Alternative zu den oftmals langen und kostspieligen Gerichtsverfahren in den USA sein. Das ist auch in Deutschland und im Jahre 2017 nicht anders. Jedoch entwickelten sich in den USA gleichzeitig auch verschiedene Vermittlungs- und Schlichtungsverfahren, die gerade im familiären und nachbarschaftlichen Bereich schnell Ansehen genossen. Diese Verfahren waren besonders attraktiv für Bevölkerungsgruppen, die vor Gericht befürchteten, z.B. wegen ihrer Hautfarbe, diskriminiert zu werden. Auch die frühen Quäker nutzten Vermittlungs- und Schlichtungsverfahren und zwar um ihre Auseinandersetzungen vornehmlich selbst zu lösen. Als weiteres Beispiel kann das „Jüdische Versöhnungs-Komitee“ angeführt werden, dass bereits 1920 geschaffen wurde, ebenfalls um Konflikte eigenständig und ohne Anwälte und Gerichte beizulegen.

Der Gerichtsprozess in den USA

Die große Popularität der alternativen Konfliktbeilegung , damals wie heute, kann auch mit den Nachteilen des Prozessrechts in den USA erklärt werden. Der Zugang zu den Gerichten ist in den Staaten erschwert. Staatliche Unterstützung, ähnlich der Prozesskostenhilfe in Deutschland, gibt es nicht. Des Weiteren fällt besonders ins Gewicht, dass jede Partei ihre Anwaltskosten stets selbst zu tragen hat, ganz unabhängig vom Ausgang des Verfahrens. Auch dies ist in Deutschland, bis auf wenige Ausnahmen, anders geregelt: Wer verliert, hat im zivilrechtlichen Verfahren grundsätzlich die Kosten des Siegers zu tragen. Verstärkt wird das finanzielle Risiko dadurch, dass die Entscheidungen der aus juristischen Laien zusammengesetzten Jurys kaum einschätzbar sind.

Das Havard Konzept als Grundlage

Auch durch die zunehmende Popularität der Mediation als alternative Konfliktbeilegungsform beschäftigten sich Mitarbeiter der Harvard Universität in Boston, Massachusetts, bereits in den 70er Jahren mit der Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen einer erfolgreichen Verhandlungsführung. Innerhalb dieser Forschungen entstand das noch heute aktuelle und bekannte „Harvard-Konzept“, das grundlegend für jedes Mediationsverfahren ist. Kurz zusammengefasst sind folgende 4 Schritte für den Erfolg einer Verhandlung grundlegend:

1. Trennung von Person und Problem
2. Trennung von Positionen und Interessen
3. Entwicklung möglichst vieler, unbewerteter Lösungsoptionen
4. Entscheidung auf Basis objektiver Kriterien

Die Ursprünge der Mediation in der Bibel und im alten China

Die US-Amerikaner haben den Ansatz, bei Konflikten einer Vermittlung den Vorzug zu geben, aber nicht erfunden. Die Ursprünge reichen über 2000 Jahre zurück und wurzeln in mehreren Ländern und Kulturen. Mehrere Bibelstellen können für die einvernehmliche, mit Hilfe von unbeteiligten Personen vorgenommene Konfliktlösung angeführt werden: So hat der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief den Gemeindeangehörigen empfohlen, ohne Anrufung eines Richters mittels eines Dritten ihre Konflikte selbst zu lösen (Korinther 6,1-4). Weitere Stellen: vgl. Matthäus 5,9; I. Timotheus 2,5).

China kann auf eine jahrhundertlange Tradition der Versöhnung und Vermittlung zurückblicken. In der chinesischen Tradition wird der Schlichtung eine wichtige Rolle für die Wiederherstellung der Harmonie unter den Bürgern eingeräumt. Die Einleitung eines offiziellen Gerichtsverfahrens kann als eine Beleidigung des Gegenübers gesehen werden. Sie führe zum Gesichtsverlust beider Parteien. Eine „Streitkultur“, wie in den westlichen Zivilisationen, findet sich auch in Japan nicht. Die geringe Dichte an Anwälten lässt sich womöglich auch auf die fernöstliche Geisteshaltung, die Versöhnung und Vermittlung als hohes Gut ansieht, zurückführen.

Die Mediation in Deutschland und in Europa

Für Deutschland kann als erstes dokumentiertes Beispiel für eine Mediation im weitesten Sinne der Westfälische Friede von Münster und Osnabrück aus dem Jahre 1648 genannt werden. Mehrere kirchliche und weltliche Vertreter haben damals zwischen den Kriegsparteien vermittelt und eine Einigung herbeigeführt. Zwischen den knapp 150 Gesandten der jeweiligen Parteien fungierten zwei Herren als neutrale Vermittler. Dies erinnert bereits an die heute praktizierte Form der Mediation bei politischen Großprojekten und komplexen Prozessen. Bei solchen Großmediationen vermittelt häufig ein Mediatorenteam zwischen den verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen.

Wie in den USA entwickelten sich in Deutschland in den späten 60er Jahren außergerichtliche Schlichtungsverfahren. In den 70er Jahren wurden alternative Konfliktlösungen vermehrt auch in der Öffentlichkeit diskutiert. Allerdings begann sich der eigentliche Mediationsgedanke erst in den 80er Jahren zunehmend zu verbreiten. Bekannt gemacht wurde die Mediation damals vor allem von den Evangelischen Akademien. In dieser Zeit gab es zwar schon vereinzelt juristische Veröffentlichungen zur Mediation. Die erste Habilitationsschrift ist aber erst im Jahre 1995 erschienen.

Zahlreiche Verbände und Institutionen

Das seitdem kontinuierlich steigende Interesse ist erkennbar an der Entstehung von vielen Verbänden und Institutionen, wie beispielsweise der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V. (BAFM), dem Bundesverband Mediation e.V. (BM), der Deutschen Gesellschaft für Mediation (DGM), der Centrale für Mediation (CfM), dem Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt e.V. (BMWA) sowie der Gesellschaft für Wirtschaftsmediation und Konfliktmanagement e.V. (GWMK). Auch wurde das Mediationsverfahren zum Thema zahlreicher Veranstaltungen gemacht. Anzuführen sind hier der Deutsche Anwaltstag 1997, verschiedene Kongresse 1996 in Köln, 1997 in Tübingen und 1998 in Bonn sowie der Deutsche Juristentag 1998 in Bremen. 2004 veranstaltete der Deutsche Anwaltverein e.V. (DAV) ein ausschließlich der Mediation gewidmetes Forum in Bonn.

Auch auf europäischer Ebene ist Mediation ein Thema. Bereits im Jahr 1998 empfahl das europäische Ministerkomitee die Familienmediation zu fördern. Die Mediationsrichtlinie der Europäischen Union musste bis Mai 2011 umgesetzt werden. Sie wird jetzt in den Mitgliedstaaten praktisch angewandt. Die Richtlinie betrifft die Mediation in Zivil- und Handelssachen.

Gemäß dem seit dem 01.07.2003 geltenden § 5 a Abs. 3 des Deutschen Richtergesetzes gehört die Mediation nunmehr zu den Schlüsselqualifikationen deutscher Juristen. Die Zivilprozessordnung legt in § 15 a EGZPO und § 278 Abs. 5 S. 2 ZPO fest, dass die Mediation auch bei einem bereits laufenden Gerichtsverfahren Anwendung finden kann. Die gerichtliche Mediation durch den sogenannten Güterichter, wird den streitenden Parteien im Prozess vorgeschlagen. Diese können sich frei dazu entscheiden oder aber den Prozess streitig weiterführen.
Die Mediation an sich hat der deutsche Gesetzgeber 2012 im Mediationsgesetz geregelt. Im September 2017 trat die Verordnung über die Aus- und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren in Kraft. Die Entwicklung der Mediation ist damit in vollem Gange.

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